02.07.2018

Wir sollten lernen, nicht wissen

Tine Schlaak
Tine Schlaak Business Development & Partnerships Managerin, Udacity Europe

Können alle Kommunikationsdesigner für soziale Netzwerke mit Abitur vor 1990 bitte jetzt die Hand heben? Danke. Ich kann Sie nicht sehen, habe aber eine Ahnung und zwei Fragen. Die Ahnung: Sie hatten, als Sie zukunftsmunter die Schule verließen, keinen Schimmer, dass Sie mal Kommunikationsumgebungen gestalten würden. Meine Fragen: Inwiefern hat Ihnen die Bildung aus der Schule, Ausbildung oder Universität zu Ihrem heutigen Beruf und beruflichen Erfolg verholfen? Und – viel wichtiger – welche Bildung hätte Ihnen dazu verholfen?

Viele wurden erst Ingenieure – und dann Arbeitssuchende

Bildung ist nicht auf die Formel des Qualifikationserwerbs für den Arbeitsmarkt zu reduzieren. Gleichzeitig sind die Zukunft der Arbeitswelt und die der Bildung eng miteinander verknüpft. Wie die Bildung dem wirtschaftlichen Strukturwandel angepasst werden kann, bleibt eine zentrale Diskussion für jeden, der sie über ihre Institutionen Schule und Universität hinaus nach ihrer Zukunft befragt.

Die Antworten der Wirtschaft standen über Dekaden fest. Das Schema: Wir brauchen mehr Ingenieure, stärken wir die MINT-Fächer! Gelebt wurde diese Stärkung etwa an den sogenannten Zukunftstagen der Schulen. Da wedelten beflissene Ingenieure mit Broschüren und rieten ganzen Schulklassen: Werdet wie wir, werdet Ingenieure! Diesem Aufruf folgten die, die Mathe und Physik draufhatten. Viele wurden erst Ingenieure – und dann Arbeitssuchende. Die 90er-Jahre brachten eine regelrechte Ingenieursschwemme in Deutschland.

Als Sheryl Sandberg anfing zu arbeiten, war Mark Zuckerberg noch gar nicht geboren

Das Modell der linearen Vorbereitung auf einen Arbeitsmarkt, den wir aus der Gegenwart auf die Zukunft hochrechnen, ist Bildungsvergangenheit. Geschichte ist nicht berechenbar. Das gilt nicht nur für die Epochenherausforderung, die wir Digitalisierung nennen. Es war schon immer so: Wir wissen nicht, was Arbeitskräfte morgen genau machen. Als Sheryl Sandberg anfing zu arbeiten, war Mark Zuckerberg noch gar nicht geboren. Nicht unwahrscheinlich, dass es die künftigen Jobs von Zuckerbergs Kindern heute noch nicht gibt, womöglich noch nicht mal ihre spätere Branche.

Was also in dieser Gemengelage lernen? Und wie? Die Parole „Fürs Leben lernen“ ist arg strapaziert, aber zeitlos: Bildung sollte nicht auf Berufsbilder, sondern auf das Leben abzielen, einschließlich möglicher Berufsleben. Diese Bildung kann Anforderungen versammeln, die unabhängig vom Beruf weiterhelfen: soziale Fertigkeiten, klar. Mindestens solide Wirtschaftskenntnisse. Jura. Wie wird eine Stadt verwaltet? Wie funktioniert unser Steuersystem?

Mir scheint, ein zeitgemäßes Bildungssystem darf die Individualität seiner Teilnehmer nicht einem abgesteckten Wissensprogramm opfern. Es muss jemanden (lies: eine Persönlichkeit) für eine sich verändernde Zukunft bilden, nicht unterrichten. Also ständig Anlässe bieten, um individuelle Begabungen entdecken, entfalten und auch wieder verwerfen zu können. So kultiviert es Neugier und das Lernen als lebenslange Beschäftigung.

Allen Gebildeten kommt die komplexe Zukunft unserer Berufswelt entgegen

Diese Neugier wird es brauchen. Die Mehrheit der Arbeitnehmer wird künftig im quartären Sektor arbeiten, also in hochkomplexen Dienstleistungsberufen. Diese Berufe winken ersten Routineaufgaben, die heute noch den größten Raum einnehmen, bereits hinterher. Zeugen dieser Entwicklung finden Sie in jedem Reisebüro.

Unsere quartäre Zukunft fragt nach einer Bildung, die kein statisches Wissen beschreibt, ja nicht mal eine Reihe von Kompetenzen. Sondern eine Bildung, mittels derer neue Kompetenzen mühelos erlangt und vorhandene Kompetenzen virtuos aufeinander bezogen werden können.

Intelligenz ist das, was man einsetzt, wenn man nicht weiß, was man tun soll. Allen Gebildeten kommt die komplexe Zukunft unserer Berufswelt in der Informationsgesellschaft also entgegen. Fragen Sie die zukünftigen Data-Stewards, Roboterberater und Telechirurgen des Abiturjahrgangs 2018.


Dieser Artikel wurde ursprünglich in Klartext veröffentlicht, dem Online-Magazin von XING.

About the author
Tine Schlaak
Tine Schlaak Business Development & Partnerships Managerin, Udacity Europe

Tine ist Business Development & Partnerships Managerin bei der Online-Lernplattform Udacity in Europa. In ihrer Position leitet sie die strategische Unternehmensentwicklung und ist verantwortlich für Partnerschaften mit Unternehmen, wie Audi oder die Deutsche Telekom. Zuvor war sie im Bereich Business Development bei COMATCH und den Cornelsen Schulverlagen angestellt und als Beraterin für Design Thinking selbstständig. Schlaak hat an der TU Berlin Innovation Management und Entrepreneurship studiert.