Suche: Ecken zum Drumherumdenken. Unsere zweite Podcastfolge

Paul Hofmann
Jul 25, 2017

Sonntag, Königreich der Rituale! Was bei uns ein ausgedehntes Frühstück, Staubsaugen und der abendliche Tatort, sind in New York Kaffee, Räucherlachs-Bagel, Joggen im Central Park – und das Kreuzworträtsel der New York Times!

Das Crossword Puzzle ist eine Art neuzeitlicher Gottesdienst: Geschätzte 50 Millionen US-Amerikaner lösen regelmäßig Kreuzworträtsel, ein Viertel der zweieinhalb Millionen NYT-Leser blättert zuerst zur Rätselseite.

Die liegt seit nunmehr 23 Jahren in der Verantwortung eines Redakteurs: Will Shortz. Wenn es einen internationalen Rätselguru gibt, dann ist das Shortz. Keiner konstruiert so raffinierte und moderne Rätsel wie der freundliche Herr mit Tweed-Sakko, Schnäuzer und einer Leidenschaft für Tischtennis (sehenswert: der Dokumentarfilm Wordplay).

Jedem Format, das das Rätseln thematisieren will, sei also zu diesem Will Shortz geraten. Für die zweite Folge unseres Podcasts The Drawing Board haben wir auf diese Losung gehört. Und Shortz ist unserer Einladung gefolgt! Wir brauchten ihn ja auch dringend: Zur Debatte stand das Rätsel Rätseln.

Der Alltag ist kompliziert genug, wir suchen häufig genug nach Antworten und Entscheidungen. Warum die Suche künstlich ausdehnen? Wie kam es zum Kulturphänomen Rätsel? Warum quälen wir uns mit immer neuen Ecken, um die wir irgendwie herumdenken sollen? Wenn sie die geistige Beweglichkeit durch spontane Perspektivwechsel fördern (Nicht umsonst gilt es unter KI-Entwicklern als ultimative Herausforderung, Computern das irrationale Argumentieren beizubringen): Können Rätsel und ihre Lösungsschemata auch Programmiererfolge begünstigen?

Darüber rätseln in dieser Folge neben Shortz der Anthropologe Marcel Danesi, der Autor und Tech-Recruiter Gayle Laakmann Mc Dowell, Programmierer Zen Hemel und Vivek Ravisankar, der CEO von HackerRank.

Hier könnt ihr die Folge downloaden, anhören, abonnieren, bewerten und empfehlen:

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Spoiler: Die Beliebtheit des Rätsels bleibt vage. Wobei denen, die finden, Rätsel seien völlig nutzlos, gesagt sei, dass vielleicht genau das das Gute an ihnen ist! Rätseln ist anstrengend, dient aber keinem höheren Zweck. Es muss nichts. Nicht retten, nicht helfen, nicht voranbringen, nichts einhalten.

Ein Rätsel ist ein Rätsel ist ein Rätsel. Eine rare Möglichkeit zum verpflichtungsfreien Denken.

Shortz erlebt diese Freiheit vor allem linguistisch.

“Was alle Rätsler verbindet, ist die Liebe zur Sprache. Man muss ein Gefühl für Doppeldeutigkeiten haben, man muss bereit sein, Wörter falsch zu betonen, Silben zu zerpflücken.”

Manchem eröffnen Kreuzworträtsel eine ganz eigene Poesie. 2013, anlässlich des hundertsten Geburtstags des Rätsels, schrieb Ralf Schiebler in der FAZ:

“Die Kreuzung von zwei Wörtern verleiht dem gemeinsamen Buchstaben eine Doppelfunktion, nämlich in zwei verschiedenen Zusammenhängen Sinn zu ergeben, so wie eine bestimmte Linie in einem Suchbild abwechselnd zu zwei verschiedenen Figuren gehört. Wort und Bild werden gekreuzt: Im Kreuzworträtsel erobern die Worte die zweite Dimension.”

Auf der mehrdimensionalen Suche kann man schier verzweifeln, vergebens Freunde, Lexika und Google wälzen. Psychologen beobachten bei Rätslern häufig den sogenannten Zeigarnik-Effekt: das gegenüber abgeschlossenen Aufgaben bessere Erinnerungsvermögen angesichts unerledigter Aufgaben. Kann bedeuten, dass einen die unerledigten Rätsel nicht loslassen. Tatsächlich gehört es zu Shortz' Lieblingsübungen, aus den verzweifelten Leserbriefen zu zitieren, die um Tipps zur Lösung bitten.

Wer dann aber ein Wort ins Raster einträgt, trifft damit eine Entscheidung ohne jegliche Tragweite. Zumal die Antwort keine Anschlussfragen aufwirft: In einem Alltag aus Antworten, die wenig, unterkomplex oder erst mal vorläufig erklären, tut es gut, finale Antworten geben zu können. Und für jede Zeile im Kreuzworträtsel gibt es eine richtige Antwort.

Rätsel zeigen: Bildung kann alles sein. Auch Asterix, Packungsbeilagen oder Games

Was wiederum in einem interessanten Gegensatz zur Genese der Antworten steht. Im Gegensatz zu den Rätseln, die uns etwa das Schulsystem aufgibt, fragt das Rätseln auch nach Wissen, das auf abseitigen Wegen zu uns kommt: Dialoge aus Asterix, das genau Studium von Speisekarten oder Packungsbeilagen, die erste Qualifikationsrunde in der Europa League oder die endlos wiederholte Kampagne in Age of Empires II – Erfolgserlebnisse haben beim Rätseln oft, aber nicht ausschließlich mit klassischer Bildung zu tun. Allein das wäre ein guter Grund, mehr zu rätseln.