05.05.2018

Was lernt Europa? Die Trends der re:publica 2018

Paul Hofmann
Paul Hofmann Editor, Udacity Europe

Manchmal spiegelt sich das Große im Kleinen. Etwa eine ganze Gesellschaft in einer einzigen Veranstaltung.

Die re:publica startete als Konferenz für digitale Gesellschaft 2007 in der Nische. Als Treffpunkt für die, die seinerzeit noch unter dem Label "Netzgemeinde" zusammengefasst wurden. Sie ist der Nische heute mehr als entwachsen. Zur zwölften Ausgabe kamen vor ein paar Tagen mehr Besucher (10.000) und mehr ReferentInnen (600) auf mehr Bühnen (20) als je zuvor. Das Motto der re:publica 2018, Pop, kam nicht von ungefähr: Digitale Themen sind als populäre Themen längst im Mainstream angekommen.

Parallel leben wir in einer Welt, die vernetzter ist als je zuvor. Gesellschaft und Netz werden zunehmend deckungsgleicher, "online" ist nicht mehr Informationsumgebung, sondern dank Smartphones und modernen Wearables ein Verhalten, Realität. Nur wächst, wo der grundsätzliche Dualismus zwischen online und offline wackelt, auch berechtigte Kritik.


Die digitale Gemeinschaft hinterfragt: sich, ihr Schaffen, ihre Dynamiken und Umgebungen


Für einen Anlass, den Medienschaffende, Gründer, Datenschützerinnen und Digital-Affine gern zur Nabelschau nutzen und um sich gegenseitig reden zu hören, war die re:publica 2018 politischer und auch technologieskeptischer denn je. Die digitale Gemeinschaft hinterfragt. Sich, ihr Schaffen, ihre Dynamiken und Umgebungen. Auch Udacity war drei Tage dabei.



Worüber sprach die re:public 2018? Was lernt das digitale Europa im Jahr 2018? Ein paar Erkenntnisse


Es gibt Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß.

"Früher hat man das Netz eher als Chance für die Demokratie gesehen", sagte Mitgründer Markus Beckedahl zur Begrüßung. "Heute müssen wir uns damit beschäftigen, dass auch böse Kräfte das Netz für ihre Zwecke nutzen."

Der Erfolg rechtsPOPulistischer und -extremistischer Parteien in Europa, in Deutschland, vor allem aber über das Netz diktierte das Programm der re:publica 2018.

"Eine große Gereiztheit im Netz" bilanzierte etwa Bernhard Pörksen, wobei er den populären Begriff der Filterblase gleich gänzlich ins Reich der Metapher verwies.


Zivilcourage im Netz als Mittel gegen Hass und Trolltum zählte zu den Themen. Genauso die Frage, warum gerade die Rechten sich so hervorragend darauf verstehen, die Bilder im Kopf zu bestimmen. Diese Panel wurden durch die traditionelle "Rede zur Lage der Nation" von Netzklassensprecher Sascha Lobos gesellschaftspolitisch gerahmt. Letztendlich fordert Lobo von den Nicht-Rechtsextremisten im Land, offensiv für die Werte der liberalen Demokratie überall einzutreten - und nicht nur im Netz Anhängern autoritärer Einstellungen entgegenzutreten.

Es waren Plädoyers gegen einfache Antworten, gegen ein Vermischen von Realität und Wahrheit, gegen Denkfaulheit. Die re:publica stellt eine mündige digitale Gesellschaft in die Mitte ihrer Überlegungen. Für eine klare Anleitung zur Mündigkeit reicht diese Bemühung noch nicht. Dafür ist die Materie naturgemäß zu komplex.

So blieb es bei einer Ideensammlung: Eine Rückbesinnung auf journalistische Grundtugenden (gründliche Recherche, dann Post) zählte ebenso dazu wie die eher banale Erkenntnis, dass Relevanz wichtiger ist als Reichweite. Wiederum Pörksen liefert ein intelligentes Stichwort zu dieser Kompetenz. Er fasst die Mündigkeit nicht im (im Abendschuldeutsch gängigen) Begriff der Medienkompetenz zusammen. Er zeichnet das Ideal der "redaktionellen Gesellschaft", die ihr "Öffentlichkeitsbewusstsein" als Reaktion auf die unterschiedlichen kommunikativen Räume des Netzes ausbildet und entwickelt.


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Künstliche Intelligenz ist kein Grund für eine neue German Angst.

Der Einsatz künstlicher Intelligenzen ist zentrales Thema vieler gegenwärtiger Netzkonferenzen. So auch auf der re:publica. Die Nachricht vom Insolvenzantrag Cambridge Analyticas glich vor der Tour-de-Force durch diverse Algorithmen, die in großen Datenmengen Muster erkennen, Nutzerprofile erstellen oder sich so zur eigenständigen (lies: schwer kontrollierbaren) Entscheidungsfindung aufrüsten, fast einer perfekten Inszenierung.

Die Gesellschaft steht - so der Konsens - wieder vor einer sozialen Frage, wie zu Zeiten der industriellen Revolution. Wer wird seine Arbeit verlieren, wenn Computer Menschen ersetzen? Schon diese Leitfrage war irreführend: Wer muss sich wem anpassen - Menschen den Algorithmen? Oder umgekehrt?

Die Angst vor der Digitalisierung und damit verbunden die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust sei übertrieben, analysierte der Neurowissenschaftler John-Dylan Haynes. Maschinen könnten den Menschen begrenzt ersetzen. Allerdings nur in begrenzter Zahl, nur in begrenzten Qualitäten. Vielmehr gehe es darum, künstliche Intelligenzen zu schaffen, die inklusiv sind.


Auch Stargast Chelsea Manning, einstige IT-Spezialistin der US-Armee und Whistleblowerin, verband die Sorge vor der Wirkmacht von Algorithmen mit der Forderung eines kulturellen Wandels: Sowohl die Entwicklung als auch die Nutzung des Internets seien mit moralischer und ethischer Verantwortung verbunden, sagte Manning. "Tech-Leute können nicht einfach ihre Werkzeuge bei uns abladen und sagen 'Jetzt macht mal'."


"Tech-Leute können nicht einfach ihre Werkzeuge bei uns abladen und sagen 'Jetzt macht mal'."


Dass bei KI nicht zwangsläufig über Missbrauch oder die Ablösung des Menschen debattiert werden muss, zeigte auch Ulrich Kerners Panel über den Einsatz von Algorithmen in der Polizeiarbeit. Dort helfen die Programme den Beamten: Wo wohnt ein Verdächtiger? Wen hat ein Kollege gerade bei einer Verkehrskontrolle vor sich?

"Diese Datenbanken sind kein Panikthema, bei dem man sofort denken muss: Da passieren schlimme Dinge. Kriminalistisch macht so eine Abfrage durchaus Sinn."

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Dennoch weist Kerner darauf hin, dass solche Datenbanken schnell in die Grundrechte der Bürger eingreifen, wenn sie rechtlich nicht einwandfrei arbeiten. "In Deutschland gilt das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Eine Datenbank mit meinen Daten ist daher ein Eingriff in dieses Recht."


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Pessimismus klingt profund, Optimismus oberflächlich.

Wo Hunderte Menschen drei Tage über künstliche Intelligenz diskutieren, greift auch festes KI-Inventar. Natürlich musste sich das Publikum mindestens einmal dem Turing-Test stellen und zwischen menschlichem und maschinellen Musiker bei abgespielten Klavierstücken entscheiden. Auch der Hinweis, dass sich die Stasi vor 30 Jahren gefreut hätte, wenn Menschen freiwillig Mikrofone und Kameras im privaten Raum installieren.

Erkenntnisgewinn: mager. Diskussionsanstöße: keine.

Bei aller berechtigten Komplexität und Unsicherheit im Umgang mit Big Data und Automatisierung ist nur eines sicher: Apokalyptische Visionen von einer Gesellschaft, die technologisch durchgehend manipuliert ist, nutzen niemandem.

Thomas Knuewer fasste diese umgreifende Debattenlogik in einem Satz zusammen: "Pessimismus klingt profund, Optimismus oberflächlich." Technologiediskurse schwappen vor Dystopien fast über, an produktiven Utopien fehlt es jedoch oft.


Keine Sorge, wir sind noch in der Internetpubertät.

Dieser Mangel an Utopien ist historisch erklärbar. Das Internet – und mit ihm die vernetzte Gesellschaft – sind historisch junge Phänomene. Wir stecken mitten in einer schwierigen Phase unserer Technologieaneignung, wie wiederum Bernhard Pörksen verdeutlichte. "Es gibt fantastische mediale Möglichkeiten, denen wir aber noch nicht gewachsen sind. Ich würde sagen, wir stecken in einer Phase der mentalen Pubertät im Umgang mit diesen Möglichkeiten."

Diese "Internetpubertät" (Kathrin Passig) gilt es abzuwarten. Mit Gelassenheit und Neugier statt Vorurteil gegenüber dem Neuen. Und mit einer ausdauernden Debatte darüber, wie die digitale Gesellschaft aussieht, in der wir leben wollen.


Maschinen ersetzen den Menschen nicht, sie betonen ihn.

Fast alle Panels nahmen den Menschen zum Mittelpunkt der Debatte, zu oft allerdings in einer Opferrolle. Dabei stand das Motto POP auch für The Power Of People. Die Bedeutung des Menschen in der Arbeitswelt von morgen tritt durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz und kognitiver Technologie eher weiter in den Vordergrund.



Nicht nur als kreativer, sozialer, emotionaler Gegenpol, sondern auch in der aktiven Gestaltung. Die richtigen Fähigkeiten werden auch zukünftig darüber entscheiden, welche Unternehmen, Technologien oder Prozesse erfolgreich sind. Und welche es in wenigen Jahren nicht mehr gibt. Eine Voraussetzung hat dieser menschliche Nenner jedoch: Diversität.


Produktive Differenz statt World White Web

Frauen sollten aufpassen, "dass sie nicht irgendwann in einer Welt aufwachen, die nicht für sie gemacht ist". Das sagte die Moderatorin der Veranstaltung The Female Effect - Technology Through A Gender Lense als sei es nicht längst der Fall. Die Digitalisierung ist immer noch ein einseitig betriebenes Projekt: Viele digitale Innovationen werden von einer reichen kleinen weißen Minderheit für eine reiche kleine weiße Minderheit gemacht.



Dabei ist der digitale Wandel die Chance, Gleichberechtigung und Diversität in der Gesellschaft zu verankern. Wir können sie nutzen oder vorüberziehen lassen. "Im Augenblick arbeiten wir daran, sie verstreichen zu lassen", sagte Unternehmerin und Recruiting-Expertin Constanze Buchheim.


Ihr, die ihr codet, ihr, die ihr gründet, habt eine kollektive Verantwortung, die ethischen Grundlagen folgt


So wurde in etlichen Panels nicht nur abgebildet, sondern aufgerufen: Ihr, die ihr codet, ihr, die ihr gründet, habt eine kollektive Verantwortung, die ethischen Grundlagen folgt.

Die Themenschwerpunkte der re:publica reichten von Music & Sovereignity, Blockchain, Health und Smartcities über Immersive Arts, Fin Tech und Virtual Reality. In ihrer Grundlogik folgte die re:publica aber dem Netz selbst: Sie ist genau das, was man sehen und mitnehmen will. Ein Grundangebot, aus dem wir weiter selbst filtern und selektieren müssen.

"Achten wir genauer auf uns selbst", antwortete Chelsea Manning nach ihren Vorbildern für liberales Verhalten befragt. "Vielleicht können wir alle unser eigenes Vorbild sein."


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Bild CC eck-marketing.de

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Paul Hofmann
Paul Hofmann Editor, Udacity Europe

Paul heuerte bei Udacity an, weil hier Wesentliches zusammenkommt: Menschen, Neugier, Ideen, Fragen. An guten Tagen schreibt er fettfrei, die Komplexität der Dinge anerkennend und ohne Emojis.