Auf Probleme, nicht auf Lösungen hören - Was macht gutes Produktmanagement aus?

Paul Hofmann
23.02.2018

Über Markus Spiering zu schreiben, dass er sich um Interfaces kümmert, wäre absurd. Genauso gut könnte man über Napoleon schreiben, er habe sich sein Brot mit Kriegführen verdient. Markus Spiering ist Udacitys Director of Product. Und damit mitverantwortlich für das Was, das Warum, das Wo und das Wann von Udacity.


Markus' Team hört Lernenden, Tutoren, Projektleitern, Entwicklern und Designern zu. Abstrahiert. Testet. Verwirft. Hat von der Konzeption über den Launch bis zum Update die Hände im Spiel, kreiert Umgebungen, die aktuelle und wiederkehrende Nutzer motivieren und neue Lernende akquierieren sollen. Kurz: Alles ist Produkt.


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Diese Aufgabenfülle in dynamischen Produktumfeldern kannte Markus bereits vor seinem Antritt bei Udacity. Er leitete Produktabteilungen bei Flickr und EyeEm, die sich als Netzbastionen für Fotografen mit unterschiedlichster Konkurrenz konfrontiert sahen. Von der Fotografie im Netz wechselte Markus 2011 zur Bildung im Netz. "Viel komplexer", sagt er. Markus ist also: genau richtig.


Markus, stell dir vor, wir treffen uns unbekannterweise auf einer Party. Wie erklärst du mir deinen Job bei Udacity?

Schwierig… (Pause) Ganz schwierig. Ich würde vermutlich sagen, dass ich im Management arbeite.


Weil Produktmanagement in Europa keine Tradition hat? Oder um die Position abzukürzen?

Um es abzukürzen und weil der Job "klassische" Management-Tugenden erfordert: Ein guter Produktmanager muss zuhören. Er muss Probleme abstrahieren. Er muss entscheidungsfreudig sein. Und vor allem muss er Leute beeinflussen können. Produktmanager tragen immer individuell zu einer größeren Sache bei, treffen mit ihren Entscheidungen am Produkt aber immer auch Entscheidungen für andere. Er muss es schaffen, alle von einer Lösung zu überzeugen – ohne, dass die Entscheidung hierarchisch durchgesetzt wird.


"Ein guter Produktmanager hört zu. Abstrahiert Probleme. Ist entscheidungsfreudig. Und muss es schaffen, alle von einer Lösung zu überzeugen – ohne, dass die Entscheidung hierarchisch durchgesetzt wird."


Wie macht man das?

Mit guten Produkten. Dazu hört man sich jede Menge Probleme an. Und – die größte Herausforderung – jede Menge fertiger Lösungen. Da ist es wichtig, die Probleme tatsächlich zu verstehen, ohne zu sehr auf die Lösungen zu hören. Gutes Produktmanagement heißt, die Gesamtheit der Probleme so zu abstrahieren, dass du ein Produkt bauen kannst, …

… das möglichst viele Probleme auffängt.

Ja. Klingt leichter, als es ist. Selbst wer viele Probleme versteht, entwickelt meist Lösungen, die für ihn funktionieren, für einen zweiten Nutzer aber eventuell schon nicht mehr.


Produktdesign bei Udacity

Zuhören, Komplexität reduzieren, Lösungen entwickeln: ein Produktentwicklung bei Udacity


Ein Produktmanager ist also auch jemand, der sich von lieb gewonnenen Lösungen verabschieden kann?

Schmerzlich oft, ja. Das ist aber normal auf dem Weg zu einem Produkt, das möglichst viele Probleme für möglichst viele Nutzergruppen in möglichst vielen Use Cases löst. Wegen dieser Komplexität sind A/B-Testing oder Data Analysis auch zentral fürs Produktmanagement geworden.


"Ich finde entscheidend, dass Produktmanager technisches Verständnis mitbringen. Ich vergleiche uns gern mit Architekten: Sie brauchen nicht selber bauen, aber ein Grundverständnis dafür, wie Sachen gebaut werden, was geht und was nicht und welche baulichen Alternativen jeweils bleiben."


Neben Testing und Data: Welche handwerklichen Fähigkeiten machen einen Produktmanager noch aus aus?

Es wird gern vernachlässigt, ich finde aber entscheidend, dass Produktmanager ein Verständnis für die technische Umgebung mitbringen. Ich vergleiche uns gern mit Architekten. Sie brauchen nicht selbst zu bauen, sie brauchen aber ein Grundverständnis dafür, wie Sachen gebaut werden, was geht und was nicht, welche baulichen Alternativen jeweils bleiben. Wenn ich eine Produktidee ausarbeite und der Entwickler daraufhin sagt, deren Entwicklung dauere in der Form drei Monate, muss ich technisch fit genug sein, um antworten zu können: Drei Monate? Das glaube ich nicht. (Lacht)


Viele würden Produktmanagern wohl zuerst einen Design-Hintergrund zuschreiben.

Nicht unbedingt! Es gibt mittlerweile im Tech-Bereich drei “traditionelle” Wege ins Produktmanagement zu gelangen: du hast Informatik studiert, als Entwickler gearbeitet und wechselst dann ins Produktmanagement. Dieser Weg wurde besonders von Google gepushed, indem es seine Entwickler in Richtung APM (Associate Product Manager) förderte. Als zweiten Weg sehe ich einen MBA-Abschluss. Der dritte: Du hast selbst vorher schon eine Firma gehabt und gehst dann als Produktmanager in eine andere Firma. Karrieren vom Design ins Produkt-Management sind eher selten.


Und sonst im Blog?

👓   Alle wollen innovativ sein, doch häufig fehlt Methodik. Unser Weg, bessere Produkte schneller zu entwickeln: Design Sprints

👓   Deutschland kann digitale Zukunft. Aber nur auf einem eigenen Weg und mit einem kulturellen, weniger wirtschaftlichen Wandel. Ein Kommentar

👓   Eine Schlüsselerfahrung jedes Spielers: Verlieren. Und wieder ins Spiel eintreten. Gehen wir die digitale Welt also spielerischer an!


Design-Studiengänge boomen. Worauf achtest du, wenn du Designer suchst?

Spannend finde ich Designer mit einem Agenturhintergrund: Man arbeitet unter Druck und muss ständig zwischen verschiedenen Kunden und Kontexten springen. Das ist eine der besten Schulen für junge Designerinnen und Designer, die Bedeutung der Abstraktionsfähigkeit im Produktmanagement habe ich ja bereits angesprochen.


Was steht beim Produktteam von Udacity gerade ganz oben auf der Agenda?

Derzeit arbeiten wir unter anderem an einer QA-Plattform, auf der sich Lernende untereinander helfen. Die Hilfe, die wir unseren Lernenden derzeit bieten, ist gut. Nur sehen wir diese mundgerechten Lösungen, die einem der Mentor oder die Live-Hilfe geben, als verschenkte Möglichkeit zu lernen. Wir sind überzeugt, dass zum Lernen wesentlich auch die Fähigkeit gehört, konkret nach Hilfe zu fragen und sich Lösungen über viele Kanäle beschaffen zu können.


"Spannend finde ich Designer mit einem Agenturhintergrund: Man arbeitet unter Druck und muss ständig zwischen verschiedenen Kunden und Kontexten springen."


Programmieren besteht allzu oft aus professionellem Googeln…

Ich denke, das wird mittelbar für alle Berufe der digitalen Welt gelten. Und ist eben nicht nur eine Frage des Mindsets, sondern auch konkreter Fähigkeiten. Das Fragen muss genauso erlernt und geübt werden wie Wissen im eigentlichen Sinne: Wie frage ich zielgerichtet und zum Mehrwert für alle? Wie antworte ich angemessen? Wie verhalte ich mich in so einer Lern-Community? Daneben soll diese Austausch-Plattform skalieren. Momentan stehen wir bei einer Anzahl Lernender, für die wir noch viel selbst übernehmen können. Wenn wir uns in diesem Jahr verfünffachen, geht das nicht mehr. Darunter darf das Hilfsangebot nicht leiden, deswegen bauen wir ein zweiseitiges Produkt, in dem nicht nur wir helfen und antworten, sondern auch Lernende untereinander.


Das führt zu einer noch größeren Interaktion zwischen Lernenden aus verschiedenen Sprach- und Kulturräumen. Wie groß ist die Herausforderung, ein Produkt zu entwickeln, das global funktioniert?

Ein zentraler Punkt für unser Wachstum. Ist es, war es immer schon: Bereits beim Aufbau der Plattform haben wir uns als globales Produkt gesehen. Das bedeutet, dass man Schnittstellen bedenken und einbauen muss, um das Produkt marktspezifisch ergänzen zu können.


"Wir sind überzeugt, dass zum Lernen wesentlich auch die Fähigkeit gehört, konkret nach Hilfe zu fragen und sich Lösungen über viele Kanäle beschaffen zu können. Deshalb arbeiten wir unter anderem an einer QA-Plattform, auf der sich Lernende untereinander helfen."


Kannst du ein Beispiel geben?

Sieh mal nach China: WeChat ist dort ein riesiger Bestandteil der Kultur und Kommunikation, aber für keine andere unserer Regionen relevant. Das darf nicht bedeuten, dass sich chinesische Lernende auf andere Tools umstellen, da müssen wir als Plattform durchlässig arbeiten! Wer solche Schnittstellen vergisst, erreicht weder eine breite Nutzerbasis noch ein gutes Produkt.


Du warst vorher Produktleiter bei EyeEm und Flickr. Veränderte sich mit dem Wechsel von Fotografie zur Bildung deine tägliche Arbeit?

Ich denke, mit ein paar Jahren Erfahrung sind die täglichen Prozesse soweit abstrahiert, dass sie kontextübergreifend anwendbar sind: Gut zuhören, aufsaugen, was Projektleiter, Entwickler, Designer oder auch Nutzer zu sagen haben, daraus das Substanzielle schließen – das müssen Produktmanager jeder Branche und jedes Mediums können. Allerdings finde ich die Aufgaben in EdTech – oder Bildung generell – noch mal komplexer.


Produktentwicklung per Feedback

Eine Möglichkeit, Probleme zu verstehen: Feedback im Classroom einholen


Warum?

Jemanden über drei, sechs oder neun Monate auszubilden, der bestimmte Sachen heute noch nicht kann, diese Sachen aber morgen so gut können muss, dass er damit einen Job bekommt, in diesem Job performt und sich mit diesen heute sehr dynamischen Jobs auch weiterentwickelt: Eine irre komplexe Aufgabe!


Weil der Prozess nie abgeschlossen ist.

Es gibt kein wirkliches Ende. Bildung geht immer und immer und immer weiter. Für den Lernenden, aber auch für uns als Plattform. Ein Produkt zu werden, das konkret für etwas steht, etwa für Lifelong Learning, das ist ein Prozess.


"Jemanden über drei, sechs oder neun Monate auszubilden, der bestimmte Sachen heute noch nicht kann, diese Sachen aber morgen so gut können muss, dass er damit einen Job bekommt, in diesem Job performt und sich mit diesen heute sehr dynamischen Jobs auch weiterentwickelt: irre komplex!"


Wofür steht Udacity?

Aktuelle Lerninhalte, tolle Videos, Quizzes und Projekte sind unser täglich Brot. Ich glaube aber, wir als Bildungsplattform stehen für mehr. Jede Plattform muss in etwas besonders gut sein. Und Udacity beweist, dass Leute hier Skill- und Mindsets entwickeln, die sie nachweislich in Jobs anwenden können. Aber: Wie misst man das? Wie zeigt man das nach außen? Und: Wie unterrichtet man, um so fähige Absolventen hervorzubringen. Nur ein Beispiel: Ein Quiz scheint ein ganz selbstverständliches Format zu sein. Aber ist ein Quiz eigentlich ein Weg, zu lernen, oder ein Weg, Gelerntes abzufragen? Lauter kleine und große Fragen, denen wir uns stellen müssen.


Fragen, denen sich alle E-Learning-Anbieter stellen müssen.

Und da gibt es eine Menge, gerade in EdTech. Du kannst sofort ein Dutzend Apps installieren, um Python zu lernen. Aber ein Lernprogramm, das dir Python so vermittelt, dass du dich danach mit genau dieser Fähigkeit auf eine Stelle bewirbst? Die sind selten. Ich finde genau das ist Udacity, das sind unsere Nanodegree-Programme: mehr als Online-Kurse, die einfach nur möglichst schnell eine Fähigkeit vermitteln.


"Was ein Produktmanager macht – Ideen strukturieren, Probleme abstrahieren, Entscheidungen treffen – ist und bleibt auch für nicht-technische Felder wichtig."


Welches Nanodegree-Programm würdest du gern anbieten?

Product Management wäre doch cool!


Damit du das auf Partys nicht mehr nur als "Management" erklären musst…

… und weil es sehr viele Disziplinen zusammenfasst. Und weil es dafür bislang kaum Lehrpläne, kaum Bildungsinstitution gibt. Und schon gar keinen Abschluss. Niemand würde sagen: Ich bin studierter Produktmanager oder Diplom-Produktingenieur. Vor allem ist das ein passendes Nanodegree-Programm, weil Product Management so gut zu Udacity passt: Es ist eine Position in der Tech-Branche oder mindestens an Tech angrenzend. Obwohl Ideen strukturieren, Probleme abstrahieren und Entscheidungen treffen auch für alle nicht-technischen Felder wichtig ist und bleibt.


Markus Spiering
Markus, aufgewachsen im sächsischen Radebeul, studierte Architektur
und gründete eine eigene Software-Firma in Berlin. Über das Product
Management bei Yahoo, die Produktleitung bei Flickr und EyeEm
kam er im Mai 2016 zu Udacity, wo er heute Director of Product ist.