»Wichtig sind nicht Herkunft, Sprache oder Vorkenntnisse, sondern die Motivation!«

Paul Hofmann
Sep 28, 2017

Wie aus einer guten eine sehr gute Sache wurde.

Ende 2014 gründeten Karan Dehghani, Gurdip Mudhar und Farid Bidardel CodeDoor, einen gemeinnützigen Verein. Ursprünglich, um Laptops für Geflüchtete zu sammeln.

Heute hat CodeDoor über 300 Geflüchteten – manche davon in Udacity-Stipendien – das Programmieren beigebracht. Die Initiative sitzt in Berlin, München, Frankfurt, Gießen und mit Oktober in Jena und bringt derzeit 90 Geflüchteten das Programmieren bei. Wie kam es dazu, Farid Bidardel? Und warum?


Die Frage, wie man Geflüchteten hilft, Farid, kann auf etliche Antworten treffen. Wie seid ihr auf die Antwort CodeDoor gekommen?

Farid Bidardel: Wir haben prinzipiell überlegt, was Geflüchtete nicht nach Deutschland mitbringen. Und das sind in den meisten Fällen technische Geräte wie etwa Laptops. Viele haben höchstens ein Smartphone dabei, das zum Wichtigsten, der Kommunikation mit der Familie, vorerst ausreicht. Ein Smartphone funktioniert allerdings nicht oder nur ungenügend, um ein offizielles Schreiben zu verfassen. Wie also sollen Geflüchtete in Deutschland etwa Bewerbungen schreiben? Also haben wir begonnen, Laptops aus zweiter Hand einzusammeln. Das war quasi unsere erste Antwort auf die Frage, wie man helfen kann.


Mittlerweile seid ihr weit mehr als eine technische Sammmelstelle.

Wir haben schnell gemerkt, dass die bloße technische Versorgung nicht reicht: Viele saßen dann mit einem Laptop da, ohne, dass es viel ihrer Situation geändert hätte.


»Programmieren kann Brücken schlagen und Integration erleichtern«


Also habt ihr überlegt, wie die Zeit mit Laptop zu nutzen wäre?

Genau. Was können die Geflüchteten? Was brauchen sie? Welche Art von Ausbildung kann man ihnen mit verhältnismäßig begrenzten Mitteln zukommen lassen? Da kamen wir schnell aufs Programmieren, waren uns aber genauso schnell auch sicher, dass wir keinen eigenen Programmierkurs auf die Beine stellen können. Zwei Mitgründer sind Programmierer, wir wussten also, was für eine komplexe Aufgabe das werden würde.


Woher LehrerInnen oder entsprechend didaktisch erfahrene ProgrammiererInnen beziehen? Woher Lehrpläne?

Einfache Antwort: Es gibt viele gute Programmierkurse in Deutschland. Was läuft gut? Vor allem: Was wird zertifiziert, was ist in der IT-Welt, aus der wir stammen, anerkannt? Klar war, dass die AbsolventInnen nach CodeDoor etwas in der Hand haben sollten. Zertifikate, die ihnen auf dem deutschen Arbeitsmarkt helfen. Da kamen wir früh auf Udacity.


CodeDoor gibt Programmierunterricht für Geflüchtete
Advantage E-Learning! Jeder lernt in seinem Tempo.


Ende 2015 habt ihr bei Udacity angefragt.

Wir haben zunächst ein paar der kostenlosen Kurse ausprobiert, fanden die Nanodegree-Programme aber spannender: Front-End, Full Stack, Android, iOS Developer und insbesondere das Programmieren für Anfänger-Programm. Auf Anfrage hat uns Udacity tausend Stipendienplätze zugesagt! Und nachdem wir die grundlegende Infrastruktur – also Räumlichkeiten, Arbeitsplätze, Laptops, Internetzugang und ein Netzwerk aus Tutoren – in mittlerweile auch schon sechs Städten (Anm.: in Berlin, Frankfurt, München, Gießen, Jena und im südhessischen Egelsbach) festgezogen hatten, starteten die ersten Teilnehmer Anfang 2017 in ihre Nanodegrees.


Tausend Udacity-Stipendienplätze für CodeDoor


Und mittlerweile gibt es einen ersten CodeDoor-Nanodegree-Absolventen!

Ja! Deja, in Berlin. Er kam vor anderthalb Jahren aus Syrien und ist der Erste, der in einem Programm von Udacity graduiert ist: dem Full Stack Nanodegree-Programm. In gerade mal sechs Wochen! Derzeit befinden sich etwa 20 Weitere in einem Nanodegree-Programm.


Haben sie eine Vorbildung im IT-Bereich?

Manche schon, andere wiederum gar nicht. Deja etwa hat in Syrien Computer Science studiert, konnte das Studium wegen seiner Flucht allerdings nicht beenden. Bei uns lernen aber genauso Menschen, die noch nie hinter eine IT-Oberfläche gesehen haben. Da fällt mir Abdu ein, der in Frankfurt Programmieren lernt und vor seiner Flucht nach Deutschland noch nie einen Computer genutzt hat. Da hat sich einer unserer Mentoren viel Zeit genommen und Adul alles von Grund auf erklärt. Das war vor einem Jahr.


Und?

Mittlerweile steckt Abdu mitten im Front-End Nanodegree-Programm. Und er hat seine erste Website gecodet. Da sehen wir auch den Vorteil des Online-Lernens: Deja und Abdul können dasselbe Nanodegree-Programm absolvieren, in ihrer jeweils eigenen Geschwindigkeit. Wichtig sind nicht Herkunft, Sprache oder Vorkenntnisse, wichtig ist allein die Motivation!


»Wir haben einfach eins und eins zusammengezählt«


Welche Projekte sind aus diesen Motivationen bislang entstanden?

Unser Ziel ist es weniger, fertige Produkte auf den Markt zu bringen, als vielmehr unsere AbsolventInnen in Jobs zu vermitteln. Natürlich schauen wir aber auch stolz auf einige Projekte: Einige unserer Programmierer haben eine Datenbank für das Lichter Filmfest in Frankfurt geschrieben. Auch unsere eigene Website wurde von einem unserer Absolventen weiterentwickelt und gelauncht.


Klingt, als bliebe CodeDoor eine Ausbildungsstätte für Programmiererinnen und Programmierer?

Von Interesse ist im Endeffekt alles, was in der IT-Branche funktioniert und online zu absolvieren ist. Handwerker-Kurse wird es bei Codedoor also nicht geben, vorerst zumindest. (lacht) Unser Kerngebiet bleibt ganz sicher das Coden, wobei wir uns auch vorstellen können, gen künstliche Intelligenz oder Machine Learning zu gehen. Fakt ist: Wir wollen unser Portfolio sinnvoll erweitern. Mittlerweile haben wir mehrere offizielle Cisco-Kurse, wir arbeiten mit Salesforce zusammen und bieten dazu einen Admin-Kurs.


CodeDoor gibt Programmierunterricht für Geflüchtete
Eine Session bei CodeDoor


Was die Geflüchteten von eurer Initiative haben, liegt nahe. Was hat Deutschland von den CodeDoor-AbsolventInnen?

Dazu das jüngste Beispiel: Nachdem Deja sein Nanodegree-Programm abgeschlossen hatte, haben wir seinen Lebenslauf rausgeschickt. 20 Minuten später hatte er eine Einladung, nach München zu kommen und dort als Programmierer zu arbeiten. Das zeigt den enormen Bedarf an Programmierern in Deutschland. Geschätzt wird, dass bereits heute 50.000 Fachkräfte fehlen. Wir haben also einfach eins und eins zusammengezählt: Hier ein Schatz an Menschen, an Talenten und Potenzialen, dort ein Bedarf an gewissen Talenten...


Beide Seiten profitieren.

Deja hat die Chance, in Deutschland seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Vielleicht sogar mehr als das: Natürlich steigt nicht jeder als Senior Developer ein, aber wir wissen, dass Programmierer verhältnismäßig gut verdienen. Unsere Absolventen haben gute Jobaussichten in ihrer neuen Heimat, deren Wirtschaft sie damit zugleich unterstützen. Die deutsche lahmt in IT-Fragen ein bisschen, sie kann neue, vor allem aber gute und innovative Kräfte gebrauchen. Zum anderen fördern wir damit natürlich auch die Start-up-Kultur! Wenn sich einer unserer Absolventen mit einem Projekt selbstständig machen möchte, dann fördern wir das.


»Unser Leitsatz: Integration durch Programmiersprache«


Gelungene Integration wird oft auf Sprachkenntnisse zurückgeführt. Das gilt also auch für Programmiersprachen?

Absolut. Wir haben bei CodeDoor keine eigenen Deutschkurse, aber einen Leitsatz: Integration durch Computersprache. Die wird ja oft als eigene Sprache bezeichnet, ob nun HTML, JavaScript oder Python. Was wir an Beispielen wie Deja sehen, ist, dass man auch über diese Computersprache Brücken schlagen und Integration erleichtern kann.


Wie kann man CodeDoor dabei unterstützen?

Warum wir etwa nicht gleich nach Erhalt der Udacity-Stipendien beginnen konnten, diese Programme anzubieten: Wir waren stark damit beschäftigt, das Netzwerk für einen reibungslosen Lehrablauf aufzubauen. Wir haben am Anfang alles selbst gemacht: Selbst Laptops angenommen und neu aufgesetzt. Selbst potentielle Kursteilnehmer angesprochen und verwaltet, die Lehre übernommen, die Räume organisiert. Dann aber gemerkt, dass das Arbeit ist, die externe Ansprechpartner und Experten viel effizienter und besser machen.


In Berlin und München stellt etwa Salesforce Laptops und Infrastruktur …

Genau, sie nehmen uns alles ab, was nicht mit dem Coden zu tun hat. Das klappt wunderbar. Hier können wir in Ruhe die Stipendien verwalten und neue Tutoren organisieren. Was wir also, um auf die Frage zurückzukommen, immer brauchen: Netzwerkpartner. Personen, Vereine oder Unternehmen, die uns infrastrukturelle oder finanzielle Aufgaben abnehmen, damit wir uns auf das Wichtigste konzentrieren können: den Unterricht.






Sie können helfen? Oder ihr Unternehmen?

Das geht unter anderem hier.


Fotos: CodeDoor