Von der Bundeswehr in die Start-up-Welt: Daniel Paulus!

Paul Hofmann
18.10.2017

Das Intersect 2017 hat Daniel Paulus’ Leben nicht zwingend verändert. Es hat aber sehr wohl dazu beigetragen, dass er sein Leben änderte: Nach dreizehn Jahren Karriere bei der Bundeswehr, einem Machine Learning Nanodegree-Abschluss und der Woche in San Francisco entschied sich Daniel für die Berliner Start-up-Welt: Heute arbeitet er als Java Developer bei Sauce Labs, einer Testcloud für Web- und Mobilanwendungen. Da bleibt er, "bis es langweilig wird", und studiert nebenher Philosophie. Ein Gespräch mit einem, der nicht stillstehen will…


Ein Drittel deines Lebens hast du bei der Bundeswehr vebracht, Daniel. Jetzt bist du bei einem Start-up unterwegs. Erlebst du den Gegensatz so riesig wie er sich anhört?

Klar, der Wechsel zu Sauce Labs ist ein Sprung für mich. Die Bundeswehr ist eine riesige Organisation, bei etwa 265.000 Mitarbeitern kann man getrost von einem Großkonzern sprechen. Mit den typischen Effekten: hohe Anonymität, ich war nur ein Rädchen in einem großen Getriebe, das stark verbeamtet ist und vergleichsweise starr arbeitet. Wie man sich das eben so vorstellt…


Und jetzt Sauce Labs!

… ein internationales Team, 150 Mann groß, Start-up würde man vermutlich nicht mehr sagen. Aber das Arbeiten ist eine vollkommen andere Sache.


Was macht Sauce Labs genau?

Sauce Labs’ Team in Deutschland betreibt eine Real Device Testcloud. Das heißt: In unserem Rechenzentrum betreiben wir viele Android- und iOS-Smartphones und -Tablets. Wenn jemand eine App entwickelt, kann er sie bei uns an echten Geräten, verschiedenen Modellen und Betriebssystemversionen testen. Das geht manuell über den Browser oder auch automatisiert.


Daniel Paulus bei Sauce Labs
"Hohe Sichtbarkeit, kleines Team": Daniel Paulus ist in seinem neuen Job bei Sauce Labs sehr zufrieden (Foto: privat)


Und du bist als Java Developer eingestiegen?

Die meiste Zeit – deswegen wurde ich auch angestellt – verbringe ich mit sogenanntem iOS Reverse Engineering. Apple ist ja ein geschlossenes Ökosystem, für eine Testcloud muss man die Geräte aber irgendwie fernsteuern. Dafür braucht es ein paar Tricks, um zu verstehen, wie Xcode und die Geräte miteinander kommunizieren.

In meiner ersten Woche haben wir etwa am Support für das neue iOS 11 gebaut, da hatten wir anfangs Probleme. Und eine Woche später hebt unser CEO beim Montagstreffen hervor, dass das Berliner Team das gelöst hat. Das ist fetzig. So eine hohe Sichtbarkeit in einem kleineren Team, was ganz anderes als in der Bundeswehr…


Das klingt toll! Hattest du vorher bereits mit iOS gearbeitet?

Hobbymäßig. Und in Vorbereitung auf den neuen Job habe ich das iOS Nanodegree-Programm angefangen. Mir fehlt wohl die Zeit, es zu beenden, ich habe aber die ersten drei Projekte gemacht, um ein bisschen Erfahrung mit Xcode zu sammeln. Ich möchte kein iOS Developer werden, aber das hilft mir jetzt am Anfang merklich.


"Wo wir Software gepflegt oder weiterentwickelt haben, fand ich uns schon modern. Im Großen und Ganzen ist die Bundeswehr weiter als viele denken"


Du hast den direkten Vergleich: Wie fortschrittlich arbeitet die Bundeswehr auf Software-Ebene?

Fortschrittlich arbeiten ist da so eine Sache: Die Bundeswehr selber darf nichts neu entwickeln, sie ist auf Dienstleister angewiesen. An den Stellen aber, an denen wir Software gepflegt oder weiterentwickelt haben, fand ich uns schon modern. Das kam natürlich immer auch auf das Mindset der Beteiligten an, im Großen und Ganzen ist die Bundeswehr aber weiter als viele denken. Es ist aber eine staatliche Organisation, das darf man nicht vergessen. Man merkt, dass man im öffentlichen Dienst ist. Ab einer gewissen Unternehmensgröße werden Prozesse allerdings auch anderswo träger.


Wie kamst du auf die Idee, dich derart beruflich zu verändern?

Ich stand an einem Punkt meiner Bundeswehr-Karriere, der ohnehin eine Entscheidung verlangte. Mit dem Eintritt unterschreibt man für 13 Jahre. Wer dann weitermachen möchte, bewirbt sich und wird nach einer Bestenauswahl dann Beamter. Oder eben nicht. Ich hatte das Angebot, habe lange überlegt und mich dann dagegen entschieden. Zum einen, weil ich nach all der Zeit etwas anderes machen wollte, zum anderen auch durch Udacity. Nachdem ich auf diesem coolen Event in San Francisco war …


… dem Intersect

… Genau! Von dort kam ich hochmotiviert nach Deutschland zurück, fasziniert von dem, was ich in dieser Woche im Silicon Valley erlebt hatte. Und stand dann wieder in einer für diese Verhältnisse trägen Behörde, umgeben von Beamten. Da dachte ich mir: Na gut, mache ich vielleicht doch noch mal was anderes.



Weitere Erfolgsgeschichten gefällig?

Victor Thoma lernte Programmieren, um sich von der BWL-Konkurrenz abzusetzen. Jetzt versteht er, wie Entwickler sprechen, denken und arbeiten.
Parto Karwat gewann ein Stipendium und arbeitet seit ihrem Nanodegree-Abschluss als selbstständige Android-Entwicklerin.
Stefan Bergstein interessierte sich seit dem Studium für neuronale Netze. Und bringt dieses Interesse seit dem Nanodegree auch im Job ein.



Damals hattest du bereits unser Machine Learning Programm abgeschlossen. Inwiefern trug das zum Karrierewechsel bei?

Momentan überlege ich, ob wir bei Sauce Labs eine Verwendung für Image Recognition haben. Leider habe ich im Alltag derzeit nicht viel mit Machine Learning zu tun. Cool ist, dass ich mitreden kann. Wir haben vergangene Woche einen Data Scientist eingestellt, mit dem kann ich mich darüber super unterhalten.


Wie kamst du damals eigentlich überhaupt zum Nanodegree-Programm?

2012 habe ich ein Philosophie-Studium an der Fernuni Hagen begonnen. Das mache ich immer dann weiter, wenn Zeit ist. Derzeit schreibe ich zum Beispiel eine Seminararbeit über den Einfluss von Machiavellis Schriften auf das Schaffen von Johann Gottlieb Fichte. Jedenfalls war ich von Hagen aus im Mai 2016 auf einem Seminar und habe mich dort mit einem Kommilitonen über künstliche Intelligenz unterhalten, die ich schon immer spannend fand. Da hat er mir den Kurs empfohlen. So kam es dann halt.


"Richtige Aufgaben, die man aus dem Gelernten lösen muss, sind einfach genial. Das bieten andere Plattformen nicht. Genauso wenig wie echte Leute, die sich mit deinen Projekten beschäftigen und Feedback geben"


Und wie war das Lernen?

Richtig super an Udacity ist das projektbasierte Lernen. Richtige Aufgaben, die man aus dem Gelernten lösen muss, sind einfach genial. Das bieten andere Plattformen nicht. Genauso wenig wie echte Leute, die sich mit deinen Projekten beschäftigen und Feedback geben. Die Reviews waren extrem gut! Ich hätte woanders 10 Dollar für einen Machine Learning-Kurs bezahlt, kann mir aber nicht vorstellen, dass ich dort so eine Hingabe beim Lernen entwickelt hätte. Ich kann am Machine Learning Nanodegree eigentlich nur einen Kritikpunkt finden.


Ich schreibe mit...

Es hätte manchmal ein bisschen kniffliger sein können. (grinst) Aber ich habe den Kurs weiterempfohlen und ein ehemaliger Kamerad von der Bundeswehr macht auch gerade den Nanodegree.


Schön zu hören! Wie würdest du das Lernen mit einer Fernuni und mit Udacity vergleichen?

Das ist schwer zu vergleichen, aus meiner Erfahrung arbeitet Hagen eben wie eine klassische Uni. Zumal gerade dieser Philosophie-Master nach dem Humboldtschen Bildungsideal funktioniert, so wie Diplome früher: Es geht nicht um konkrete Skills, die man hinterher anwenden kann. Wir lernen dort, vernünftig zu argumentieren, komplexe Texte zu verstehen, verschiedene Standpunkte zu sehen. Das ist mit einem praktisch angelegten Nanodegree kaum zu vergleichen.


Hältst du eine solche Balance aus Humboldt und konkreten Fähigkeiten, die du gefunden hast, für das Ideal einer Bildungslaufbahn?

Schon, die Balance ist enorm wichtig. Wobei ich den Nutzen von konkreten Skills hier herausheben kann: Du willst Data Scientist werden? Mach' den Machine Learning Nanodegree, dann kannst du in kurzer Zeit in dieses Feld einsteigen und Know-how sammeln.


+++ Wo ihr schon mal hier seid, könnt ihr doch bald wiederkommen? Hier für den zweiwöchentlichen Newsletter anmelden+++


Schielst du eigentlich auf weitere Nanodegree-Programme?

Natürlich, die Kurse sind ja großartig. Robotik ist fantastisch, der wurde uns auf dem Intersect vorgestellt. Ich brauche nur eine praktische Rechtfertigung. (lacht) Jetzt finanziert ja Sauce Labs einen Teil meiner Weiterbildung.


Planst du schon den nächsten Karrieresprung?

Ich überlege, zu gründen. Aber erst mal bin ich mit Sauce Labs mehr als zufrieden. Ich arbeite eng mit türkischen, bulgarischen und amerikanischen Kollegen zusammen, täglich Englisch sprechen macht großen Spaß, es wird nicht langweilig.


Aber irgendwann zurück zur Bundeswehr?

Die Option besteht! Dort wird immer für IT gesucht, ich rechne mir gute Chancen aus, würde ich dort in zwei Jahren wieder anklopfen. Momentan macht Sauce Labs aber zu viel Spaß, um über etwas anderes nachzudenken.


Vielen Dank für deine Zeit, Daniel!